Sonntag, Januar 28, 2007

Von der guten Gesundheit zur neuen Unsicherheit

Lange Zeit hatte es in Deutschland Tradition, einem armen Menschen, den ein Nieser schüttelte, Gesundheit zu wünschen. Das ist kein deutscher Alleingang. Spanier sagen "Jesús", Briten "Bless you" und Amerikaner sogar "Gesundheit". Nun hat eine Zelle naseweißer Intellektueller die These aufgestellt, der Gesundheit-Wünscher denke dabei nur an seine eigene Gesundheit, ohnehin gehöre es sich nicht, in die Privatsphäre anderer Menschen vorzudringen, und schon herrscht große Unsicherheit in deutschen Landen, besonders in der Saison grippaler Moden. War derartigen Bestrebungen noch vor einem Jahr wenig Erfolg beschieden, wirkt es sich heute schon in weiten Kreisen der Bevölkerung aus. Entschuldigen soll er sich, der Niesende, schändlich genug, dass er seinen körperlichen Bedürfnissen in aller Öffentlich nachzukommen wagt. Klingt es doch alles wie eine Initiative der Bild-"Zeitung", um das Winterloch zu füllen, wird es doch verkauft, als sei es Knigges neuester posthumer Erguss. Schon hört man ein ernstes "Entschuldige dich mal", wo gestern noch mitfühlene "Gesundheit" waltete. Ist das Ganze nun ein deutscher Alleingang oder wird sich das spanische "Jesús" auch irgendwann zu "qué verguenza" oder Schlimmerem wandeln? Nichts gegen regelmäßiges Händewaschen bei Erkältung, aber das alles ist unheimlich künstlich, aufoktroiert und suspekt. Dann doch lieber ein "Prost", "Gott schenke dir Schlappohren" oder "verreck, du Aas" - das kommt wenigstens von Herzen!

>> In der Schweiz ist die Welt noch in Ordnung.

Dienstag, Januar 16, 2007

2030 - Aufstand der Alten (ZDF, 16.01.07)

Dieses fiktive Doku-Drama ist ein eigewilliges Experiment, das an Wolfgang Menges Zukunftsszenarien "Das Millionenspiel" (1970) oder "Smog" (1973) erinnert: fiktional-dokumentarische Formate, die einen Missstand in der Gesellschaft herausgreifen. Doch Menge ist fern. Hier wird nichts deutlich angeprangert, Kritik entsteht allenfalls in den Köpfen der Zuschauer. Alles in allem wirkt der "Aufstand der Alten" doch am ehesten wie eine Dauerwebesendung für private Rentenvorsorge und Krankenzusatzversicherungen. Diese werden zuweilen ganz plakativ empfohlen, wie etwa im Porträt der Drei-Generationen-Familie.

Seltsam fiktiv kommt die Sendung daher, obwohl der Stil stark an den des authentischen Doku-Dramas angelehnt ist: die Dialoge wirken doch zu sehr durchgeplant. "Die Entwicklung eines neuen Fernsehformats" steckt trotz aller möglicher Vorbilder (warum denn nicht bei Menge lernen?) und machbarer Umsetzung in den Kinderschuhen. Die "investigative Journalistin" Lena Bach wirkt arg aufgesetzt. Warum diese Geschichte nun überhaupt als Dreiteiler angeboten wird, bleibt schleierhaft.

Edit 17.01.07:
Ob gewollt oder nicht, der Film ist sehr optimistisch und strahlt eine positive Botschaft aus: Protagonist Sven Dahrow ist bereits mit unter 70 Jahren in Rente gegangen und er hatte bis dahin eine feste Arbeit! Warten wir's also ab...

Montag, Januar 08, 2007

Tatort: "Die Blume des Bösen" (WDR, 01.01.07) - Achtung, enthält Spoiler

Der Eröffnungstatort des Jahres 2007 ist anerkanntermaßen voller Spannung. Tatsächlich wird in diesem Krimi kaum ein Mittel ausgelassen, Spannung zu erhöhen. Hauptsächlich wird dabei auf bewährte Mittel zurückgegriffen, was aber dem Erlebnis ebenso wenig einen Abbruch tut wie die schon häufig erzählte Geschichte der Rache an einem Polizisten (wie vor nicht allzu langer Zeit bei CSI).

Der "Chef der Hamburger Ermittler" (Jürgen Schornagel) hat hier Gelegenheit einmal in die Rolle des kranken Bösen zu schlüpfen und in einer Anlehnung an "Stirb Langsam Teil 3" Max Ballauf durch Köln zu hetzen. Besonders in Kameraeinstellungen und Beleuchtung wird das Drehbuch fantastisch umgesetzt. In einigen Szenen wirkt Klaus J. Behrdendt tatsächlich um Jahre gealtert.

Was auf dieser Spannungsjagd alles auf der Strecke bleiben musste, wurde schon recht ausführlich bei Stralau und an anderen Stellen besprochen. Deshalb hier nur zwei Dinge herausgegriffen:

1.) Intertextualität

Der Tatort arbeitet mit einer offensichtlichen Intertextualität: "Die Blumen des Bösen" (Les fleurs du mal) ist eine Gedichtsammlung von Baudelaire. Doch was ist die Konsequenz? Ein oberflächlicher Blick (zu mehr reicht leider meine Zeit nicht) zeigt, dass hier nur wenig übernommen wurde, am auffälligsten der Titel. Außerdem wurde der Text für ein Rätsel herangezogen. Dieses Rätsel wurde nur erwähnt, nicht aber zum Mitraten bereit gestellt. Zunächst mochte man annehmen, dass dies aus Zeitgründen geschah, um den Rahmen der 90 Minuten nicht zu sprengen. Ein gut platziertes Mitratespiel macht schließlich einen dramaturgischen Reiz aus. Doch bei der näheren Prüfeung wird klar, dass hier vor allem gescheut wurde, ein feinsinniges Rätsel zu entwerfen. Bei Baudelaire kommt jedenfalls keine Beatrice vor und auch die Lilie spielt nur eine Nebenrolle. Schuld und Wahrheit dagegen, werden häufiger erwähnt. Wie es scheint hätte dieses Rätsel entweder nur dünn bleiben können oder einen Riesenaufwand der Erklärung bedeutet.

Eine ausführliche Erörterung dieses Bezugs könnte sich lohnen. Ein Blick auf den Chabrol-Film "Die Blume des Bösen" von 2003 sicherlich auch.

2.) Die dramaturgische Zwickmühle am Ende

Das Finale ist vertrackt. Täter Kuschmann hat Schenk überwältigt und Ballauf weiß nicht, wo und wie bedroht die kleine Anna ist. Man kann jetzt sagen (Erschieß den Täter und gut is!), doch ist es so einfach? Kuschmann sagt selbst, er hätte sich abgesichtert: "Meinen Sie ich gehe in die Höhle des Löwen ohne Rückversicherung?" Hätte man dies weiter ausgeführt (ein zweiter Täter wäre unwahrscheinlich, also z.B. "Anna braucht in 10 Minuten ein Gegenmittel, das nur ich kenne"), wäre die Situation wesentlich komplexer geworden. Ballauf hätte sicht fragen müssen, wen er opfern soll? Schenk oder Anna? Das alles bleibt implizit, zum Selbst-Zusammendenken. Ballauf schießt jedenfalls erst, als er Anna nach der Katze "Tinka" flüstern hört.

Edit 25.01.07:
Interessant, welche Ungereimtheiten Julia beim genaueren Hinsehen entdeckt hat.

Freitag, Dezember 22, 2006

Big Brother is watching you...

...but who is watching Big Brother?

(via Popkulturjunkie)

In einer atemberaubenden Frist von mehr als 21 Monaten wurde der nicht mehr existierende Sender MTV2 Pop von der Hamburger Anstalt für neue Medien (HAM) abgemahnt.

Hintergrund ist die Bestrafung einer Big Brother-Kandidatin für das Vergehen, Briefe in die Außenwelt des berühmten Containers geschmuggelt zu haben: sie wurde zehn Stunden lang in einem kahlen Raum eingesperrt (also innerhalb der Einsperrung noch einmal ... bei Donoso lernen wir, dass dies nirgendwo sonst enden kann als in der Auflösung des Subjekts). Und so eigesperrt wurde sie zehn Stunden lang mit dem gleichen Musiktitel beschallt. Ähnliche Strafen wären denkbar, etwa zehn Stunden lang Big Brother anzusehen. Eigentlich wurde sie auch nur dafür bestraft, etwas den voyeuristischen Blicken des Publikums entzogen zu haben: ihre Briefe an den Freund - denn jederzeit hätte es ihr freigestanden, ihm alles offen im TV mitzuteilen.

Wie diese Sequenz dramaturgisch eingebunden war, lässt sich jetzt nur noch schwer rekonstruieren. Wie es scheint, wurde ein ohnehin labiler Mensch (die Kandidatin schrieb Briefe an ihren Freund) in eine zusätzlich destabilisierende Situation gebracht, um authentische starke Emotionen zu produzieren. Diese führen im Idealfall zu empatischen Reaktionen (d.b. mit der Leidenden mitzufühlen), andererseits aber auch zu Schadenfreude zunächst bei den Mitbewohnern. Als Folge sollen die Zuschauer nun empatisch mit der Eingesperrten und den anderen fühlen, andererseits aber auch die Schadenfreude empfinden, weil es weder sie selbst noch ihren möglichen Favoriten im Spiel betrifft. Der Effekt ist, wie bei Aristoteles beschrieben, eine Mischung auf Eleos und Phobos (Mitleid und leichter Grusel, der daraus entsteht, sich selbst in die Situation hineinzudenken), Schadenfreude, letztlich Katharsis - der positive Nachgeschmack aus der "Reinigung" von diesen Gefühlen. Vergleiche mit Gladiatorenkämpfen oder öffentlichen Folterungen liegen auf der Hand.

Die Abmahnung bemängelte, dass diese Darstellung geeignet sei, Jugendliche unter 16 Jahren sozialethisch zu desorientieren. Meines Erachtens ist es pure Menschenverachtung und geeignet, jeden gesunden Menschen sozialethisch zu desorientieren. Das Angebot zu jeder Zeit das Spiel (um viel Geld) abzubrechen, ist dabei keine Option. Ob eine Ausstrahlung nach 22 Uhr etwas an der Tatsache ändert, ist also höchst fraglich. Eigentlich wähnte man sich über die Phase öffentlicher Folterungen hinweg, weil es ja genau dafür gesellschaftliche Einheiten gibt, die ein Auge darauf haben sollten.

Bedauerlich ist die lange Reaktionszeit der HAM. Jetzt ist diese Abmahnung weder geeignet ähnliche Fälle verhindert zu haben, noch ein funktionierendes Exempel zu statuieren. Wer mit menschenverachtenden Mitteln Quote machen will, hat jedwede Handhabe dazu.

Sonntag, Dezember 17, 2006

Englisch für Kinder im Alstertal und den Walddörfern

Dass Sprachen am besten so früh wie möglich gelernt werden, ist nicht nur wissenschaftlich belegt. Jeder, der erst in der Schule Englisch, Französisch, Spanisch oder noch weit exotischere Sprachen gelernt hat, kann dies bestätigen. Je später man mit dem Erlernen einer Sprache beginnt, desto schwieriger wird es und desto aussichtsloser, eine angenehme Aussprache zu erreichen. Was - nicht nur nach Noam Chomsky - als natürlicher Lernprozess ablaufen sollte und könnte, wird zur Paukerei.

Optimal ist eine zweisprachige Erziehung, doch wenn man weder eine zweisprachige Partnerschaft noch ein fremdsprachiges Umfeld hat, ist diese so gut wie ausgeschlossen. Künstliche Zweisprachigkeit führt nicht nur in besonders emotionalen Situationen zu Problemen - wo den Eltern plötzlich die natürlichen Ausdrücke und vor allem die pragmalinguistischen Elemente fehlen. Die unnatürliche Situation führt in den meisten Fällen dazu, dass die Kinder das Spiel irgendwann nicht mehr mitspielen und selbständig ihre wirkliche Muttersprache lernen.

Anders ist es, wenn man das Spiel offen und ehrlich spielt und als Ausnahme kennzeichnet. Dies nutzen Spielsprachschulen wie Abrakadabra aus. Für Kinder von ca. 4-10 werden Sprach-Gruppen gebildet. Eine nette Spielleiterin oder ein Spielleiter kommt ins Haus oder den Kindergarten und spielt mit den Kindern - auf Englisch oder Französich oder Spanisch. Dabei werden ausschließlich erfahrene Pädagogen eingesetzt, Muttersprachler oder Mitarbeiter mit jahrelanger Auslandserfahrung und vor allem 100%iger Aussprache. Der Hintergrund ist die Immersionsmethode: statt eine künstliche Lernsituation zu schaffen, tauchen die Kinder, ohne darüber nachzudenken, in die Sprache ein. Der Effekt ist die Aktivierung des natürlichen Spracherwerbs. Kinder ahmen nach. Den Vorteil einer perfekten Aussprache kann ihnen später niemand mehr nehmen. Außerdem kann das Sprachenlernen in der Schule auf diesem Fundament aufbauen.

Abrakadabra ist jetzt nach jahrelang erfolgreicher Arbeit in Hamburg auch mit Spielgruppen auf Englisch, Spanisch und Französisch in Hamburgs Nordosten - der Nachbarschaft des dramaturgischen Kontors - vertreten. Abgedeckt werden seit kurzem das Alstertal (Sasel, Poppenbüttel, Wellingsbüttel) und die Walddörfer (Bergstedt, Volksdorf, Ohlstedt, Lemsahl/Mellingstedt, Duvenstedt) sowie umliegende Gebiete (z.B. Hummelsbüttel und Fuhlsbüttel).

>> Weitere Informationen unter (040) 415 435 87 oder http://www.spielsprachschule.de

Donnerstag, Dezember 14, 2006

Prototypisch gebloggt

Kaum zu glauben ist, was Klaus Eck soeben bloggt: ein Mafo-Institut hat im Auftrag von FriendScout24 herausgefunden, dass ich ein prototypischer Blogger bin: männlich, Freiberufler, 29 Jahre alt. Respekt! Starken Bartwuchs habe ich auch.

Churchill sagte "trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast". Diese Statistik dagegen hat's erfasst. Nur einigermaßen trainiert bin ich... Aber ich bin ja auch noch "Katzenblogger" ;-)

Alarm für Cobra 11, RTL *ROTFPIMP*

Eben zum ersten Mal gesehen: die deutsche Krimiserie Alarm für Cobra 11 handelt von den mafiösen Strukturen auf Deutschlands Autobahnen, die alles in den Schatten stellen, was internationale Produktionen zu bieten haben. Schnell wird der Zuschauer bemerken, dass hier weder Dialoge noch ausgeklügelt verrätselte Handlungen im Vordergrund stehen, auch psychologische Details der Täter-Motivation sind es nicht, die dieses Werk auszeichnen. Cobra 11 zeigt ein phantastisches Milieu für Männer; dort wechselt man(n) die Autos häufiger als die Anzüge (die - ganz sorgsam - nicht nass werden sollen, wenn ein Mörder ersäuft) und ganz sicher auch die Unterwäsche; dort wird gekämpft, scharf geschossen und hemmungslos explodiert; dort werden Probleme gelöst ohne nachzudenken oder lange zu diskutieren. Vor allem spielen dort die PS zum Tanz. Die viel geschmähte Dramaturgie hat weit mehr zu bieten als ein schäbig abgekupferter Dashiel Hammett, die Höhepunkte sind Auto-Verfolgungs-Karambol-Schießereien und da greift eher das Konzept einer Choreografie als einer Dramaturgie. Und an dieser Choreografie gibt es nichts zu bekritteln, da wird keine Pointe ausgelassen. In den Organisations- und Dialogpassagen kann man bequem bloggen. In den anderen habe ich Tränen gelacht.


>> Siehe auch Cippitelli, Claudia/Schwanebeck, Axel (Hrsg.): Das Mord(s)-Programm. Krimis und Action im Deutschen Fernsehen. Frankfurt a.M. 1998.

Dort heißt es auf Seite 135 über den verantwortlichen Redakteur Friedemann Beyer: „Dem Zeugen wird zur Last gelegt, mit dem RTL-Format Alarm für Cobra 11 alle erzählerischen Qualitäten des Genres zu Schrott gefahren zu haben.“

Donnerstag, November 23, 2006

Strategische Unternehmenskommunikation bei e.on

Es wurde bereits über die Erstellung überhöhter e.on-Abrechnung durch Schätzungen berichtet, welche dazu führt, dass die Kunden des Energieriesen dem Unternehmen großzügige Kredite gewähren. Jetzt habe ich einen Einblick bekommen, wie sich die Abrechnungserstellung, die viel kritisierte Erhöhungspolitik und die Kommunikationsvorgabe des Callcenters zu einer Gesamtstrategie verbinden.

Eine Mitarbeiteren des Callcenters teilte mir mit, dass mein Zählerstand im August korrekt übermittelt und im System verbucht wurde. Augenscheinlich hat man ihn also bewusst ignoriert, um eine Schätzung vorzunehmen. Das ist die Ausgangslage.

Dem weiteren Text der Service-Mitarbeiterin war dann zu entnehmen, dass die Unternehmensstrategie darin besteht, die Diffenrenz auf keinen Fall auszuzahlen: als erstes spielte sie es herunter, es sei ja nicht viel Geld. Nach einer kurzen Rechnung stellte sie allerdings fest, dass dieses Argment für über 200 € nicht mehr uneingeschränkt gültig ist. Dann erklärte sie mir, dass diese Abrechnung ganz in meinem eigenen Interesse sei: da die Preise jetzt im November und dann in einem zweiten Schritt im Januar (auch wegen Mehrwertsteuer) um ca. 7% steigen, wäre ich durch die Schätzung absolut im Vorteil und hätte die einmalige Chance ca. 300m³ Gas zum alten, günstigeren Preis zu beziehen, wenn ich nur diese Abrechnung akzeptierte. Da in Callcentern für alle Fälle Kommunikationsvorgaben bestehen, damit kein schlecht ausgebildeter Mitarbeiter Bauchentscheidungen trifft, ist das also die Strategie.

Hier ist auf eine interessante Weise zu erschließen, wie die - nach Meinung der Verbraucherschützer absolut unbegründeten - Preiserhöhungen scheinbar dazu eingesetzt werden, nicht nur mehr Geld von den Kunden einzuziehen, sondern zunächst einmal möglichst schnell dieses Geld zu bekommen. Die Erhöhungen sind ein strategisches Mittel im Spiel mit den Verbrauchern: sie rechtfertigen das Einbehalten im Voraus geleisteter Zahlungen und sie ermöglichen es, die Verbraucher vollends zu verwirren, was wiederum den Verkauf von Garantieoptionen, die gegen eine relativ üppige Zahlung einen stabilen Gaspreis für ein Jahr garantieren, möglich macht. (Scott Adams spricht im "Dilbert-Prinzip" bei Energie- und Telefonieanbietern von einem "Konfusopol", weil es unmöglich ist, für den eigenen Bedarf das wirklich günstigste Angebot zu ermitteln.)

Sollten die Sammelklagen gegen die Erhöhungen Erfolg haben, geben Kunden, die sich darauf einlassen, einfach zinslosen Kredit. Sollten sie keinen Erfolg haben, ist der Kredit ohne Frage zinsgünstig, da es sich lediglich um Opportunitätskosten handelt (entgangene Erhöhung auf ein bestimmtes Volumen bei - angeblich - sinkenden Rohstoffpreisen).

Edit 01.12.06:

Im Hamburger-Abendblatt vom 21.11.06 ist zu lesen: "Vor wenigen Tagen kündigte das Unternehmen für Anfang 2007 erstmals wieder eine Preissenkung an". Das widerspricht den Aussagen der Hotlinerin und verwässert den angebotenen Deal. Solle man etwa damit rechnen, Prozesse zu verlieren und saftige Rückzahlungen leisten zu müssen?
Jedenfalls steht dort auch: "Die Verbraucherzentrale sieht die Geschäftspraxis kritisch." Ich habe mich entschieden, nicht auf Deals einzughen, sondern das Geld zu nehmen, denn wie sagte schon Max Estrella (als ihm das Gas abgedreht wurde, angeblich): "Más vale el gorrión en tus propias manos que la paloma en la mano del monopolio".

Freitag, November 17, 2006

Der allerbeste Studentenkredit

Als Promotionsstudent habe ich einen Studentenausweis, bin also ein waschechter Student. Und ich bin Kunde bei e.on Hanse. Die verkaufen mir Gas und das sogar ziemlich teuer, Tendenz steigend.

Im August habe ich den Zählerstand abgelesen und über das extra dafür eingerichtete Onlineformular an e.on geschickt. Zwei Wochen darauf war ich zuhause, weil sich der e.on-Ableser für die ganze Siedlung angemeldet hat. Geklingelt hat er nicht, warum auch, ich hatte den Zählerstand ja bereits übermittelt. Gut zwei Monate später hat e.on auch eine Abrechnung geschickt. Große Freude: es gibt 10 EUR zurück - sparsam geheizt. Allerdings errechnet sich dieses üppige Guthaben aus einer Schätzung (warum geschätzt wurde, weiß der Geier...), die satte 334 m³ über dem eigentlichen Verbrauch liegt. Vor zwei Wochen habe ich natürlich meinen Widerspruch gefaxt, aber bis jetzt wurde weder der Empfang bestätigt, noch eine Korrektur geschickt. Ich, der Student, gebe dem großen Unternehmen also momentan Kredit.

Könnte das Methode haben?
Keine Ahnung, geben ist jedenfalls seliger, denn nehmen!

Edit 21-11-2006:
e.on Hanse hat das Kreditvolumen heute um weitere 71 EUR erhöht.
Weitere Stimmen im Netz

Edit 15-03-2007:
Unglaublich aber wahr: im August '06 abgelsen, Oktober '06 abgerechnet, März '07 Rückzahlung geleistet (selbstredend ohne Zinsen). Also, machts gut und bis zum nächsten Kredit.

Montag, November 13, 2006

Endlich wieder Skandalfernsehen

In einer Vorlesung zu neuen Fernsehformaten deklarierte Joan Kristin Bleicher den Sonnabend zur fernsehfreien Zone: auf jenen Programmplätzen laufen nur etablierte mehr oder weniger einfallslose Formate. Und auch sonst hat die Fernsehlandschaft in der letzten Zeit kaum Anstoßendes präsentiert.

Doch jetzt ist mit Brat Camp wieder ein Format mit hohem Skandalpotenzial in Aussicht, wie Medienrauschen soeben berichtet. Einen Zahn schärfer als bei der Supernanny sollen aufmüpfige Kinder vor laufenden Kameras in einem Camp gedrillt werden. So denn die Medienaufsicht das Unterfangen zulassen sollte. Eine große begeisterte Zuschauerschaft ist jedenfalls zu befürchten. Da erlaubt es sich nur noch, eine Frage zu stellen:
Wer drillt die Eltern, die sich ihre erzieherischen Defizite medial versilbern lassen (etwa Big Brother)?

Samstag, November 11, 2006

Beta Blogger

Ich bin jetzt auch "Beta-Blogger" und nutze die neue komfortable Möglichkeit der optischen Gestaltung. Diese Gelegenheit habe ich genutzt, sogleich das Design etwas anzupassen, den Hintergrund etwas heller zu gestalten und auch die Schriftart zu wechseln.

Die schönste Neuerung, auf die ich ehrlich gesagt schon länger gewartet habe, ist das Labeln bzw. Taggen der Beiträge zu einer thematischen Sortierung. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass die Erneuerung auch zum Wegfall einiger Elemente geführt hat, die vorher da waren. Auch die Werbung nimmt jetzt etwas mehr Raum ein...
Ich freue mich jedenfalls über Feedback.

Warum Marketing-Jobs so beliebt sind

Marketingvorlesungen sind i.d.R. mächtig überfüllt, ganz im Gegensatz zu Steuerrecht oder Verwaltungswirtschaft. Das Hamburger Abendblatt vermutet in Absprache mit einem Potsdamer Professor, dass es daran liegt, dass Marketing für jede Firma so wichtig ist, außerdem so lebendig, greifbar und mit so hohen Budgets versehen.

Das Internet kennt allerdings den wahren Grund: Marketing und Management sind die Schwerpunkte, die mit den geringsten Mathematik-Kenntnisen, die beste Karriere erwarten lassen. Soviel also zur Karrierepropaganda der Springerpresse.

Wie das Marketing funktioniert, lernen wir außerdem bei Dilbert. Im Comic des Tages außerdem, warum Mathekenntnisse absolut abkömmlich sind:

Dilbert: I need some data from an unreachable guy named Ed. What should I do?
Dogbert: Just make up a bunch of data like everyone else does.
Dilbert: Everyone else does that?
Dogbert: Are you doubting my data?

Freitag, November 10, 2006

Open BC, Xing oder der Mythos der Verlinkung

In der heutigen Zeit - Web 2.0 greift um sich - haben wir es immer stärker mit einem neuen Mythos des Alltags zu tun: der Selbstdefinition als Teil des Netzes. Was schon für die Unternehmenskommunikation beschrieben wurde, gilt auch für den Privatmenschen. Er gewinnt seine Identität immer weniger aus dem, was er kann, was er ist und was er leistet, sondern daraus, mit wem er verbunden ist.

Der Blogger definiert sich durch die Zahl der Verlinkungen und ggf. durch die Qualität der Verlinkungen. In welchen Kreisen bewegt er sich, wen kennt er, zu welchen Netzwerken gehört er. Kommentarschreiber strappato definiert sich durch seine Vernetzung mit Don Alphonso, C. Heinemann definiert sich durch den Kontakt zu einem Werbeblogger oder einem Knüwer. Das sagt schon eine Menge darüber aus, was diese Menschen wohl bloggen. Die Verlinkung wird dazu von Google honoriert, sie beeinflusst den Page-Rank und damit die Platzierung in der Suchmaschine. Wer gut verlinkt wird, ist relevant.

Ein interessantes Phänomen der modernen Gesellschaft, die sich jetzt des Web 2.0 bedient, ist der Open Business Club. Dort kann sich jeder mit einer Kontaktseite darstellen, Kontakte knüpfen und Karriere machen. Das eigentliche Spiel besteht allerdings darin, gemachte Kontakte offen zur Schau zu stellen und sich letztlich damit zu definieren, wen man kennt, wen man als Kontakt im Profil hat. Tritt man mit jemandem in Verbindung, schaut man zunächst, wer seine Kontakte sind. Bestehen diese zum größten Teil aus Tagträumern, die nicht mal ein Foto hochladen und über zwei Kontakte nich herausgekommen sind, Finger weg, eine solche Verbindung könnte dem eigenen Image schaden. Bestehen die Kontakte allerdings in Branchenführern, gut vernetzten Leuten, kann man selbst davon profitieren, sich in ihrem Dunstkreis aufzuhalten. So funktioniert das Netz.

Dieses Spiel wird einem zeitgenössischen Mythos in hohem Maße gerecht. Wie im Beitrag über den Mythos erläutert, besteht die Eigenschaft des Mythos darin, einem Zeichen eine neue Bedeutung hinzuzufügen und die denotative Bedeutung verblassen zu lassen. Was hier verblasst ist die eigene Identität. Sie wird zum Substrat der Verlinkung. Vielfach interessiert nicht der eigene Kontakt, sondern der Kontakt des Kontaktes, wenn nicht sogar die bloße Masse der Verlinkungen. Diese Sichtweise kann sogar zum Stillstand führen. Warum an der eigenen Persönlichkeit und eigenen Fähigkeiten feilen, wenn man besser beraten ist, sein Netzwerk auszubauen?

Aufschlussreich scheint auch die Analogie zur Unternehmenskommunikation und -identitätsbildung im Web 2.0. Wir werden immer mehr Ich-AG, freiberufliche Nomaden, digitale Bohème...

Roland Barthes: "Mythen des Alltags"

In seinem Werk "Mythen des Alltags" von 1964 (deutsche Fassung) geht Roland Barthes auf die semiotische Qualität des Mythos ein. Ziel ist es, dem Mythologen ein Handwerkszeug zu geben, Mythen (des Alltags) aufzudecken und sie damit zu zerstören, was der Gesellschaft eine Entwicklung ermöglichen soll.

Schematisch stellt der Mythos sich ganz ähnlich der Konnotation dar: ein komplettes Zeichen aus Bedeutendem (Signifiant) und Bedeutetem (Signifié) wird zum Bedeutendem eines Zeichens auf einer weiteren Ebene, womit verbunden ist, dass es mit einem weiteren Bedeutetem verbunden wird. In der Metasprache verhält es sich umgekhert: hier wird ein vollständiges Zeichen zum Bedeuteten.

Was nun die Konnotation vom Mythos unterscheidet geht aus Barthes' "Mythen des Alltags" und "Elemente der Semiologie" nur indirekt hervor: während die konnotative Bedeutung mehr oder minder gleichberechtigt neben der denotativen (ursprünglichen) Bedeutung steht, drängt der Mythos die denotative Bedeutung in den Hintergrund. Er überlagert sie. Etwa konnotiert Freitag der 13. Unglück. Das ändert aber nichts an der denotativen Bedeutung dieses Tages, an dem man Termine haben kann usw. Die Person Ludwig Erhards verbalsst mittlerweile dagegen völlig hinter dem Mythos des Wirtschaftswunders. Man kann nicht behaupten, Ludwig Erhard würde das Wirtschaftswunder konnotieren. Wenn heute in einem Zeitungsartikel von Erhard die Rede ist, verkörpert er geradezu das Wirtschaftsunder. Das ist die Funktion des Mythos.

Der hauptsächliche gesellschaftliche Effekt des Mythos ist es nach Barthes, den Zustand aufrecht zu erhalten: "Zweck der Mythen ist, die Welt unbeweglich zu machen" (S. 147). Damit ist der Mythos der Revolution entgegengesetzt. Die Revolution und der Mythos schließen einander aus (und wenn eine Revolution Mythos wird, ist das wieder ein Zeichen von Stillstand).

Barthes' Beispiele sind zahlreich; besonders eindrucksvoll ist das Beispiel zum Umgang des Kleinbürgers mit Fremden: "Einer hat keine weiße, sondern eine schwarze Haut, jener andere trinkt Birnensaft und keinen Pernod. Wie den Neger oder den Russen assimilieren? Hier gibt es nur eine Rettung: den Exotismus. Der Andere wird zum reinen Objekt, zum Spectaculum, zum Kasperle. An die Grenzen der Menschheit verwiesen, stellt er für das Zuhause keine Gefahr mehr dar." (S. 142f.) Hier wird klar, dass durch Witze und Schauermärchen über alle Fremden (und sei es nur, dass sie nicht arbeiten, sondern stehlen), den eigentlichen Menschen mit seiner Identität und seinen Fähigkeiten so weit in den Hintergrund drängen, dass er kaum mehr existiert. Der Mythos entwertet den anderen und verbindet die kleinbürgerlichen Urheber dieses Mythos.