Mittwoch, Oktober 26, 2011
Moderne Kaffeespezialitäten
Für echte Gourmets gibt es nur eines: handgefiltert. Nichtsdestotrotz lohnt sich immer die Anschaffung moderner Geräte
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Freitag, Oktober 21, 2011
Sonntag, Oktober 16, 2011
Dienstag, März 01, 2011
Kanadischer Stil
Was man in Kanada unter einem kleinen Auto versteht, weicht zuweilen von mitteleuropäischen Vorstellungen ab. Der Smart wurde im übrigen nicht in Vancouver erfunden, wohl aber ist diese Marke hier erhältlich.
Beim Versuch der Geldwäsche ist auch hierzulande Besonnenheit angeraten. Insbesondere bei steigenden Temperaturen während des Trockenvorgangs ist mit schrumpfendem Budget zu rechnen.
Beim Versuch der Geldwäsche ist auch hierzulande Besonnenheit angeraten. Insbesondere bei steigenden Temperaturen während des Trockenvorgangs ist mit schrumpfendem Budget zu rechnen.
Donnerstag, Januar 20, 2011
Deutsch für Kenner
Man muss eine Sprache einfach lieben, die Sätze wie diesen möglich macht:
"In der Nacht zum 28.Juli 2004 brach einer der Polizistenmörder von Malexander zusammen mit ein paar anderen Gefangenen aus der außerhalb Stockholms gelegenen Strafanstalt Hall aus."
Aus: Maj Sjöwall/Per Wahlöö: Der Polizistenmörder, Rowohlt Taschenbuch 2008, Vorwort von Liza Marklund, S. 8.
"In der Nacht zum 28.Juli 2004 brach einer der Polizistenmörder von Malexander zusammen mit ein paar anderen Gefangenen aus der außerhalb Stockholms gelegenen Strafanstalt Hall aus."
Aus: Maj Sjöwall/Per Wahlöö: Der Polizistenmörder, Rowohlt Taschenbuch 2008, Vorwort von Liza Marklund, S. 8.
Donnerstag, Dezember 09, 2010
Guerilla Marketing
Nicht nur Eckart von Hirschhausen meint, diese Aktion sei 'das absurdeste PR-Ding', das er je gesehen habe:
>> Via: Source-Werbeartikel
>> Via: Source-Werbeartikel
Montag, November 15, 2010
Sonntag, November 14, 2010
Skurril
Missbrauch der eigenen Marktposition kann man Telefónica Deutschland nicht vorwerfen: Tippt man als Alice-Kunde fehlerhaft "o2." ohne Top-Level-Domain in die Browserzeile, erscheint die Alice-Suchseite. Nur findet sich dort weder ein Link zum eigenen Angebot noch zum geschwisterlichen Angebot von o2 - das eigentlich gesucht war. Stattdessen werden die größten Mitbewerber angepriesen. Das ist nobel.
Screenshot:
Screenshot:
Mittwoch, Oktober 13, 2010
Freud'sche Stilfrage
Sigmund Freud
Der launige Stil-Test der Frankfurter Allgemeinen hat für jeden Text ein anderes erfolgreiches Vorbild auf Lager; das oben stehende war doch einigermaßen überraschend (Probetext war die De Bono-Rezension). Nun denn, eine Umbenennung in "dramaturgische Couch" wird erwogen. (Und nur keinen ***-Neid!)
>> Via: Die Rückseite der Reeperbahn
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dramaturgisches Kontor,
Sprache
Sonntag, Oktober 10, 2010
Kreativ: De Bonos neue Denkschule
Kritisches Denken ist der Standard in der westlichen Kultur. Man hält es nicht nur für ausreichend, sondern für überlegen. Insbesondere sind es intelligente, gebildete Menschen, die dem Irrglauben erliegen, ihre gelehrte Meinung sei allein ausreichend und erübrige weiteres Denken. Doch das ist weder kreativ noch effektiv. So werden bekannte Lösungen – auch schlechte – zementiert und schnelle Ideen den guten Ideen vorgezogen. Häufig setzen sich die Menschen durch, die versiert gegen neue Ideen argumentieren können, indem sie einen kleinen Makel herausstellen. Diese Idee wird dann unter großem Triumph eingemottet, statt sie weiterzuentwickeln. Damit räumt Edward de Bono auf – der Denkforscher und -praktiker mit der weltweit größten Anerkennung.
De Bono stellt in kurzen Kapiteln zahlreiche Methoden vor, die Denken systematisieren, Sackgassen aufzeigen und umgehen helfen und so zu einem kreativeren und vor allem produktiveren Denken führen. Die Methoden unterstützen unterschiedliche Stufen des Denkprozesses. Sie helfen, Alternativen zu finden, zu beurteilen und die Ideen anderer besser zu verstehen, ohne darüber zu früh zu urteilen.Verfrühte Urteile behindern das Denken. Etwa nutzt de Bono vermeintlich unbrauchbare Ideen als Hilfsmittel, weiter zu denken und neue Richtungen zu finden, anstatt sein Ego zeitaufwendig mit dem Nachweis zu aufzublasen, dass diese oder jene Idee schlecht ist. Wichtig ist dafür eine bewusste Wahrnehmung. Da Wahrnehmung auf Muster zurückgreift ist es notwendig, diese Muster zu erkennen, um neue Richtungen einzuschlagen. De Bono prägte dafür den Begriff laterales Denken: eine Denkform die nicht wertend und hochflexibel ist.
Bei de Bono ist der Leser gefordert durchgehend mitzudenken, um die Ausführungen zu verstehen und vor allem auszuprobieren. Der sehr flüssige und unprätentiöse Text erleichtert dies. Hinderlich sind die vielen Abkürzungen, die de Bono für seine Methoden verwendet – allerdings argumentiert er selbst für deren Nutzen gegenüber selbsterklärenden sprachlich schönen Ausdrücken. Einige der Übungen sind zudem nur schwer nachzuvollziehen, weil eine Erklärung fehlt, wie man es richtig macht. Wer die „neue Denkschule“ allerdings mit wachem Geist durchgeht, wird immer wieder die Erfahrung machen, wie stark er oder sie selbst dem urteilenden Denken verhaftet ist und wie bequem es doch ist, eine vorgefasste Meinung als Lösung zu akzeptieren, statt nach neuen Ideen zu suchen. Die Übungen zeigen: Es kostet Überwindung, ohne die fast immer vorhandene eigene Meinung zu denken. Diszipliniertes Training und formelles Arbeiten ist unerlässlich, um de Bonos Methoden zu erlernen. Dass de Bono Denken auf kurze hochkonzentrierte Phasen beschränkt, ist dabei eine positive Erleichterung.
Für die kreative Arbeit mit Sprache oder Filmdramaturgie sind de Bonos Methoden gut einsetzbar – auch einzeln. Auch wenn der explizite Bezug nicht hergestellt wird, werden Lesern mit dramaturgischem Blick viele Feststellungen (etwa zur Wahrnehmung) bekannt vorkommen. Ein praktischer Nutzen lässt sich leicht herstellen. De Bono erklärt das Denken und Handeln unterschiedlicher Personen (innerhalb ihrer „logischen Blase“), wie es auch in der Figurengestaltung einsetzbar ist. Und er gibt Hinweise, wie man aus unproduktiven Denkrichtungen wieder zum kreativen Weg zurückfindet. Allein wenn eine der Methoden haften bleibt und bei der Arbeit hilft, hat sich dieses schmale Buch schon seine Empfehlung verdient.
De Bono stellt in kurzen Kapiteln zahlreiche Methoden vor, die Denken systematisieren, Sackgassen aufzeigen und umgehen helfen und so zu einem kreativeren und vor allem produktiveren Denken führen. Die Methoden unterstützen unterschiedliche Stufen des Denkprozesses. Sie helfen, Alternativen zu finden, zu beurteilen und die Ideen anderer besser zu verstehen, ohne darüber zu früh zu urteilen.Verfrühte Urteile behindern das Denken. Etwa nutzt de Bono vermeintlich unbrauchbare Ideen als Hilfsmittel, weiter zu denken und neue Richtungen zu finden, anstatt sein Ego zeitaufwendig mit dem Nachweis zu aufzublasen, dass diese oder jene Idee schlecht ist. Wichtig ist dafür eine bewusste Wahrnehmung. Da Wahrnehmung auf Muster zurückgreift ist es notwendig, diese Muster zu erkennen, um neue Richtungen einzuschlagen. De Bono prägte dafür den Begriff laterales Denken: eine Denkform die nicht wertend und hochflexibel ist.
Bei de Bono ist der Leser gefordert durchgehend mitzudenken, um die Ausführungen zu verstehen und vor allem auszuprobieren. Der sehr flüssige und unprätentiöse Text erleichtert dies. Hinderlich sind die vielen Abkürzungen, die de Bono für seine Methoden verwendet – allerdings argumentiert er selbst für deren Nutzen gegenüber selbsterklärenden sprachlich schönen Ausdrücken. Einige der Übungen sind zudem nur schwer nachzuvollziehen, weil eine Erklärung fehlt, wie man es richtig macht. Wer die „neue Denkschule“ allerdings mit wachem Geist durchgeht, wird immer wieder die Erfahrung machen, wie stark er oder sie selbst dem urteilenden Denken verhaftet ist und wie bequem es doch ist, eine vorgefasste Meinung als Lösung zu akzeptieren, statt nach neuen Ideen zu suchen. Die Übungen zeigen: Es kostet Überwindung, ohne die fast immer vorhandene eigene Meinung zu denken. Diszipliniertes Training und formelles Arbeiten ist unerlässlich, um de Bonos Methoden zu erlernen. Dass de Bono Denken auf kurze hochkonzentrierte Phasen beschränkt, ist dabei eine positive Erleichterung.
Für die kreative Arbeit mit Sprache oder Filmdramaturgie sind de Bonos Methoden gut einsetzbar – auch einzeln. Auch wenn der explizite Bezug nicht hergestellt wird, werden Lesern mit dramaturgischem Blick viele Feststellungen (etwa zur Wahrnehmung) bekannt vorkommen. Ein praktischer Nutzen lässt sich leicht herstellen. De Bono erklärt das Denken und Handeln unterschiedlicher Personen (innerhalb ihrer „logischen Blase“), wie es auch in der Figurengestaltung einsetzbar ist. Und er gibt Hinweise, wie man aus unproduktiven Denkrichtungen wieder zum kreativen Weg zurückfindet. Allein wenn eine der Methoden haften bleibt und bei der Arbeit hilft, hat sich dieses schmale Buch schon seine Empfehlung verdient.
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Dramaturgie,
Gesellschaft,
Sprache
Mittwoch, August 25, 2010
Brett Domino
In UK schon fast eine Legende: Brett Domino und sein Trio.
Hier eine kleine Würdigung ihrer enormen Kreativität:
>> Siehe auch Bretts Youtube-Channel.
>> Via: Sheng-Fui
Hier eine kleine Würdigung ihrer enormen Kreativität:
>> Siehe auch Bretts Youtube-Channel.
>> Via: Sheng-Fui
Samstag, Juni 26, 2010
"Ubuntu" von Stephen Lundin und Bob Nelson
Nur faule Saboteure im Team? Das muss nicht sein, würde Stephen Lundin jetzt sagen.
Lundin verkauft Ideen rund um das Thema Motivation. Im April erschien sein und Bob Nelsons neuestes Werk auf dem deutschen Buchmarkt: "Ubuntu" verarbeitet afrikanische Philosophie (vielen wahrscheinlich bekannt durch die gleichnamige Linux-Distribution).
Verpackt in die schnurrige Geschichte um den Welt-Konzern Bulls Eye erzählt Lundin, warum, wie und mit welchem Effekt Ubuntu im geschäftlichen Handeln eingesetzt werden sollte. Die Geschichte lässt sich auf einen Satz zusammenfassen: Man muss jedem Menschen Respekt entgegenbringen; nicht weil er fleißig ist oder besondere Dinge leistet, sondern weil er ein Mensch ist. Die Erzählung bleibt dabei meist sehr oberflächlich und vorhersehbar. Damit bleibt das Buch als Fachbuch zu märchenhaft und als Märchen zu fachlich, vielleicht zu banal.
Mit amerikanischem Pathos kommt die Weisheit aus Afrika daher, als Simon den Schatz seiner Erfahrung verteilt. Er ist in Südafrika mit Ubuntu groß geworden; Ubuntu ist für ihn so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Er rettet mit diesem Wissen seinen Vorgesetzten, John, der – trotz aller Managementseminare – große Probleme mit seinem Team hat. John beginnt einzusehen, dass nicht seine Mitarbeiter faul und böse sind, sondern er selbst als Manager vielleicht neue Wege einschlagen muss.
Moden kommen und gehen im Management. Lundin ist sich dessen bewusst und seine Figuren sprechen den Zynismus offen an, „mit dem viele Mitarbeiter neuen Management-Programmen mittlerweile begegnen“. Die abschließenden Kapitel widmen sich deshalb der Aufgabe, genau dem vorzubeugen. Ubuntu soll weder per Dekret noch als Projekt eingeführt werden. Ubuntu funktioniert nur, wenn es aus dem Wunsch der Mitarbeiter selbst zum Teil der Unternehmenskultur wird.
Die handelnden Figuren sind stark typisiert und funktionalisiert, um einen möglichst plakativen Eindruck zu geben. Man wird sie nach der Lektüre vermutlich so schnell vergessen, wie man sie kennen gelernt hat, und das weist auf den positiven Aspekt des Buches hin: Es ist in sehr flüssigem Stil verfasst und zieht den Leser förmlich durch die 155 Seiten. Auf einer Bahnreise mittlerer Länge kann man es wahrscheinlich komplett lesen.
Wikipedia stellt fest: „In der ruandischen/burundischen Sprache bedeutet Ubuntu Gratis.“ Bleibt also zu hoffen, dass Lundins Werk nicht umsonst ist und Afrika auf diesem Weg beginnt, Menschlichkeit in die Welt zu bringen, wie es der mehrfach zitierte Bürgerrechtler Steve Biko prophezeit.
Lundin verkauft Ideen rund um das Thema Motivation. Im April erschien sein und Bob Nelsons neuestes Werk auf dem deutschen Buchmarkt: "Ubuntu" verarbeitet afrikanische Philosophie (vielen wahrscheinlich bekannt durch die gleichnamige Linux-Distribution).
Verpackt in die schnurrige Geschichte um den Welt-Konzern Bulls Eye erzählt Lundin, warum, wie und mit welchem Effekt Ubuntu im geschäftlichen Handeln eingesetzt werden sollte. Die Geschichte lässt sich auf einen Satz zusammenfassen: Man muss jedem Menschen Respekt entgegenbringen; nicht weil er fleißig ist oder besondere Dinge leistet, sondern weil er ein Mensch ist. Die Erzählung bleibt dabei meist sehr oberflächlich und vorhersehbar. Damit bleibt das Buch als Fachbuch zu märchenhaft und als Märchen zu fachlich, vielleicht zu banal.
Mit amerikanischem Pathos kommt die Weisheit aus Afrika daher, als Simon den Schatz seiner Erfahrung verteilt. Er ist in Südafrika mit Ubuntu groß geworden; Ubuntu ist für ihn so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Er rettet mit diesem Wissen seinen Vorgesetzten, John, der – trotz aller Managementseminare – große Probleme mit seinem Team hat. John beginnt einzusehen, dass nicht seine Mitarbeiter faul und böse sind, sondern er selbst als Manager vielleicht neue Wege einschlagen muss.
Moden kommen und gehen im Management. Lundin ist sich dessen bewusst und seine Figuren sprechen den Zynismus offen an, „mit dem viele Mitarbeiter neuen Management-Programmen mittlerweile begegnen“. Die abschließenden Kapitel widmen sich deshalb der Aufgabe, genau dem vorzubeugen. Ubuntu soll weder per Dekret noch als Projekt eingeführt werden. Ubuntu funktioniert nur, wenn es aus dem Wunsch der Mitarbeiter selbst zum Teil der Unternehmenskultur wird.
Die handelnden Figuren sind stark typisiert und funktionalisiert, um einen möglichst plakativen Eindruck zu geben. Man wird sie nach der Lektüre vermutlich so schnell vergessen, wie man sie kennen gelernt hat, und das weist auf den positiven Aspekt des Buches hin: Es ist in sehr flüssigem Stil verfasst und zieht den Leser förmlich durch die 155 Seiten. Auf einer Bahnreise mittlerer Länge kann man es wahrscheinlich komplett lesen.
Wikipedia stellt fest: „In der ruandischen/burundischen Sprache bedeutet Ubuntu Gratis.“ Bleibt also zu hoffen, dass Lundins Werk nicht umsonst ist und Afrika auf diesem Weg beginnt, Menschlichkeit in die Welt zu bringen, wie es der mehrfach zitierte Bürgerrechtler Steve Biko prophezeit.
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Gesellschaft,
Unternehmenskommunikation
Freitag, Juni 11, 2010
"Die Kreative Matrix" von Philip Parker
Vor nur vier Jahren war sie bereits angekündigt: die Rezension von Die kreative Matrix des britischen Autors Philip Parker. Das Buch richtet sich an alle, die mit Drehbüchern zu tun haben, vornehmlich an Autoren.
Parker entwirft besagte Matrix, um kreative Prozesse einer Filmerzählung strukturiert und in ihren Abhängigkeiten zu erläutern. Sie besteht aus den in Paaren gruppierten Elementen Geschichte und Thema, Form und Handlungsführung sowie Genre und Stil. Die Ordnung könnte sehr wohl auch eine andere sein, dennoch gelingt es Parker, eine eigene Nische zwischen anderen Drehbuchratgebern zu besetzen und Aspekte anzusprechen, die andernorts nicht vorkommen (etwa bei Linda Seger, Eugene Vale und schon gar nicht bei Syd Field). Parker wird seinem Anspruch gerecht, diese Aspekte nicht vereinzelt herauszugreifen, sondern in ihrer Abhängigkeit darzustellen, wenngleich er dabei auch Themensprünge macht und verständlicherweise auf 318 Seiten nicht alles im gebührenden Umfang behandeln kann. Als einer der wenigen geht er speziell auf Genres ein, kann aber auch dieses Thema nicht ausführlich behandeln. Der Ton des Buches ähnelt dabei schon sehr Parkers Kollegen.
Schnell zeigt sich, dass die - von Parker belächelten - Absolventen der Literaturwissenschaften ein theoretisches Basiswissen mitbringen, das handwerklich richtig angewendet jeden einzelnen Drehbuchratgeber in den Schatten stellt. Die Unterscheidung zwischen Geschichte und Erzählung (als perspektivische und nicht-chronologische Aufbereitung der Geschichte), die Parker nahezu bahnbrechend feststellt, ist eine Grunderkenntnis der Narratologie und lässt sich bei Gérard Genette umfassend nachlesen.
Leider sieht Parker davon ab, Ergebnisse der narratologischen Forschung zu verwenden. Stattdessen definiert er gern selbst, bleibt dabei jedoch vielfach nebulös. Erläuterungen wie die unterschiedlicher Arten von Zeit: "3. Gefühlte Zeit. - Dies ist die Zeit, die durch die Länge oder den Winkel einer Einstellung und/oder die Aneinanderreihung von Einstellungen zum Ausdruck gebracht wird" (S. 50) erschließen sich nur schwer. Sehr fraglich ist beispielsweise auch die Trennung von Thema und Geschichte, wie Parker sie vornimmt. Danach basieren Filme entweder auf dem einen oder dem anderen. Zuweilen drängt sich der Eindruck auf, Parker schriebe diese Definitionen aus dem Stehgreif, statt sich auf bestehende wissenschaftliche Diskurse zu beziehen.
Der praxisnahe Ansatz der Kreativen Matrix wird nur stellenweise durch den leicht sprungahften Aufbau der Argumentation und teilweise sehr lange Checklisten getrübt. Herausragend wird die Nähe zu Praxis, als Parker zum Ende handwerkliche Details erklärt, die bei anderen Drehbuchratgebern fehlen. Man erfährt notwendige Formalien der Drehbücher, die auf einen Blick den Amateur vom Profi unterscheiden. Eine nützliche Handreichung ist auch das Schema der schrittweisen Überarbeitung, das vorbeugt sich zu verzetteln, wenn man alle Aspekte gleichzeitig oder ungeordnet in der Überarbeitung vermischt.
Insgesamt ist Die Kreative Matrix eine interessante Ergänzung zu den bisherigen Drehbuchratgebern insbesondere in den Punkten Überarbeitung und Vermarktung sowie dem Zusammenspiel der Aspekte. Der Praxisbezug ist groß. Ein Studium der Sprach-, Literatur und Medienwissenschaften ersetzt es natürlich nicht. Vor dem Hintergrund, dass ein solches Studium den unabhängigen Umgang mit Film und Drehbüchern ermöglicht, ist Parkers Kritik an Fernsehdramaturgen mit Cambridge Abschluss in Literaturwissenschaften deplatziert - vorausgesetzt die Absolventen haben einen Zugang zum Medium Film.
Parker entwirft besagte Matrix, um kreative Prozesse einer Filmerzählung strukturiert und in ihren Abhängigkeiten zu erläutern. Sie besteht aus den in Paaren gruppierten Elementen Geschichte und Thema, Form und Handlungsführung sowie Genre und Stil. Die Ordnung könnte sehr wohl auch eine andere sein, dennoch gelingt es Parker, eine eigene Nische zwischen anderen Drehbuchratgebern zu besetzen und Aspekte anzusprechen, die andernorts nicht vorkommen (etwa bei Linda Seger, Eugene Vale und schon gar nicht bei Syd Field). Parker wird seinem Anspruch gerecht, diese Aspekte nicht vereinzelt herauszugreifen, sondern in ihrer Abhängigkeit darzustellen, wenngleich er dabei auch Themensprünge macht und verständlicherweise auf 318 Seiten nicht alles im gebührenden Umfang behandeln kann. Als einer der wenigen geht er speziell auf Genres ein, kann aber auch dieses Thema nicht ausführlich behandeln. Der Ton des Buches ähnelt dabei schon sehr Parkers Kollegen.
Schnell zeigt sich, dass die - von Parker belächelten - Absolventen der Literaturwissenschaften ein theoretisches Basiswissen mitbringen, das handwerklich richtig angewendet jeden einzelnen Drehbuchratgeber in den Schatten stellt. Die Unterscheidung zwischen Geschichte und Erzählung (als perspektivische und nicht-chronologische Aufbereitung der Geschichte), die Parker nahezu bahnbrechend feststellt, ist eine Grunderkenntnis der Narratologie und lässt sich bei Gérard Genette umfassend nachlesen.
Leider sieht Parker davon ab, Ergebnisse der narratologischen Forschung zu verwenden. Stattdessen definiert er gern selbst, bleibt dabei jedoch vielfach nebulös. Erläuterungen wie die unterschiedlicher Arten von Zeit: "3. Gefühlte Zeit. - Dies ist die Zeit, die durch die Länge oder den Winkel einer Einstellung und/oder die Aneinanderreihung von Einstellungen zum Ausdruck gebracht wird" (S. 50) erschließen sich nur schwer. Sehr fraglich ist beispielsweise auch die Trennung von Thema und Geschichte, wie Parker sie vornimmt. Danach basieren Filme entweder auf dem einen oder dem anderen. Zuweilen drängt sich der Eindruck auf, Parker schriebe diese Definitionen aus dem Stehgreif, statt sich auf bestehende wissenschaftliche Diskurse zu beziehen.
Der praxisnahe Ansatz der Kreativen Matrix wird nur stellenweise durch den leicht sprungahften Aufbau der Argumentation und teilweise sehr lange Checklisten getrübt. Herausragend wird die Nähe zu Praxis, als Parker zum Ende handwerkliche Details erklärt, die bei anderen Drehbuchratgebern fehlen. Man erfährt notwendige Formalien der Drehbücher, die auf einen Blick den Amateur vom Profi unterscheiden. Eine nützliche Handreichung ist auch das Schema der schrittweisen Überarbeitung, das vorbeugt sich zu verzetteln, wenn man alle Aspekte gleichzeitig oder ungeordnet in der Überarbeitung vermischt.
Insgesamt ist Die Kreative Matrix eine interessante Ergänzung zu den bisherigen Drehbuchratgebern insbesondere in den Punkten Überarbeitung und Vermarktung sowie dem Zusammenspiel der Aspekte. Der Praxisbezug ist groß. Ein Studium der Sprach-, Literatur und Medienwissenschaften ersetzt es natürlich nicht. Vor dem Hintergrund, dass ein solches Studium den unabhängigen Umgang mit Film und Drehbüchern ermöglicht, ist Parkers Kritik an Fernsehdramaturgen mit Cambridge Abschluss in Literaturwissenschaften deplatziert - vorausgesetzt die Absolventen haben einen Zugang zum Medium Film.
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Donnerstag, Mai 06, 2010
Schauen Sie mal, junger Mann... Frei nach einer wahren Begebenheit
Es begann an einem Tag im Januar vor einigen Jahren. Ich brachte Zeitungen zum Altpapier, musste diese etwas quetschen, weil der Container schon so voll war, da grinste mich eine Frau knapp über Sechzig von Gegenüber des Containers an.
„Schauen Sie mal, junger Mann.“ Sie hielt ein Ding hoch, das in besseren Zeiten einmal ein Buch gewesen sein könnte.
Es ist allgemein bekannt, dass Bücher bei einigermaßen guter Behandlung kleine Ewigkeiten halten. Immerhin existieren noch Bücher aus Goethes Besitz und selbst weit ältere Schriften (die Texte von Qumran etc.). Dieses Exemplar jedoch war in einem bemitleidenswerten Zustand. Ich kann es dem vormaligen Besitzer in keiner Weise verdenken, es vom Bücherregal, aus dem Bücherschrank, von unterm wackligen Tischbein oder von woauchimmer in diesen Container gebracht zu haben. Noch bevor ich fragen konnte, weshalb ich mir das anschauen sollte beziehungsweise aus welchem Grund die Dame es überhaupt aus dem Container gefischt hatte, fuhr sie fort:
„Hier sind alte Bücher drin“.
„Ach so!“
„Richtig gut erhaltene alte Bücher.“
„Ach was!“
„Es ist einfach eine Schande, was die Leute so alles wegschmeißen.“
Mittlerweile war sie mit noch anderen alten Schwarten im Arm auf meine Seite des Containers gekommen und ließ ihr soeben errungenes Buch über den Daumen schlurfen. Neben Kaffee-, Schoko- und anderen Flecken entdeckte ich im Gilb eine Jahreszahl. Sie auch.
„Das Buch ist erst vier Jahre alt! Na? Hab' ich nun Glück oder hab' ich Glück?“
Bei entsprechender Behandlung war es also sogar möglich, Bücher besonders schnell altern zu lassen. Dann erst fiel mir die Gesellin der Frau auf. Ebenso freudestrahlend hielt auch sie ein Buch in der Hand, dessen dunkelblauer Einband ahnen ließ, dass es dereinst relativ schön und ziemlich teuer gewesen sein muss.
„Ein Shakepeare!“ Es klang wie Scheeks-Bier. „Den stell' ich mir ins Regal. Schauen Sie mal, wie gut das Buch noch aussieht. Einen Shakespeare habe ich noch nicht, aber schon eine Reihe von Goethe, Schiller und E.T.A. Hoffmann.“ Aufopfernd hielt sie mir ein anderes Buch hin.
„Novellen. Die wollen wir nicht. Interessieren Sie sich für Literatur?“
„Ach nein“, schüttelte ich den Kopf. Diese alten Fetzen konnten höchst wahrscheinlich noch ganz andere Geschichten erzählen, als darin niedergeschrieben waren. Jedenfalls hatte ich Bedenken, diese befleckten Schriften anzufassen. Also machte ich die beiden Damen auf einen kleinen Karton aufmerksam, der vor dem Container stand – zusammen mit einigen Plastiktüten voller Zeitungen. Der Ruf des Entzückens der ersten älteren Dame war so laut, dass gleich noch eine dritte hinzukam.
So schossen jetzt sechs Hände auf den kleinen Karton ein. Die der ersten Frau setzten sich durch. Sie holten mehrere alte Bücher hervor, die zugegebenermaßen noch schlechter erhalten waren als die aus dem Container.
„Schauen Sie nur! Wahre Schätze! Den Leuten geht es doch zu gut, so etwas wegzuschmeißen. Was ist das hier?“ Sie musste das zerknautschte Buch aufschlagen. Der Titel auf dem Umschlag war nicht mehr zu lesen.
„Anorganische Chemie! Das ist ja toll! Das nehm' ich meiner Tochter mit.“
Hach, was hätte ich mich gefreut, wenn mich meine Mutter mit solch einem Werk beglückt hätte.
Im Folgenden förderte die Dame noch einige Bände mit Kurzgeschichten und diverse Comics zutage. Langsam begann ich die Sache interessant zu finden, denn eines der Comichefte kam mir spanisch vor.
„Oh, kann ich das eine Comicheft noch mal sehen?“
„Das sind jetzt meine, die hab ich mir ausgesucht“, belehrte sie mich, ihren kostbaren Besitz verteidigend. Das Heft war tatsächlich in spanischer Sprache, aber derart abgewetzt, dass es mir langsam schlecht wurde.
„Die nehm' ich mir mit für die Kinder. Mensch, ist das toll!“, teilte sie uns mit und wandte sich zum Gehen noch einige prüfende Blicke werfend, ob da nicht doch noch mehr kostbare Bücher wären. Sie ging einige Schritte, da konnte ich sehen, wie sie sich mühsam bückte und erneut laut jubelte. Den Hustenbonbon, welchen sie dort gefunden hatte, packte sie sofort aus und steckte ihn in den Mund.
So einfach sind die kleinen und großen Freuden deutscher Rentnerinnen. Wenn man nur mit offenen Augen durch die Welt geht, ist man schnell um einen Shakespeare, ein olles Chemiebuch, spanische Comics, Hustenbonbons und noch vieles, vieles mehr reicher.
Am folgenden Tag war ich in der S-Bahn unterwegs, wo sich einige Scherzbolde mit einer Packung Kondome vergnügt hatten. Ob sie auch einige im Sinne des Erfinders benutzt hatten, wusste ich nicht und wollte es auch nicht wissen, aber sonst war alles dabei. Aufgeblasene Kondome kugelten am Boden herum, andere Kugeln kondomten unter der Decke klebend. Dann waren eine Menge davon zerrissen und lagen beziehungsweise hingen herum. Einige waren sogar noch eingepackt. In dem Moment fiel mir eine ältere Dame auf, die neben der Tür stand. Auch sie hatte die Präservative entdeckt. Ihr Gesichtsausdruck wurde rasch fröhlich und sie bückte sich nach den Verhütungsmitteln. Mit einem Dieweltistinordnung-Gesicht strahlte sie mich an:
„Schauen Sie mal, junger Mann. Die sind noch eingeschweißt.“ Einige Fahrgäste der S-Bahn hatten ihre Fußabdrücke darauf hinterlassen.
„Die nehm' ich mit für die Kinder. Da können die sich ja noch einen schönen Abend mit machen“, frohlockte sie und stieg aus.
Diese Szenen erinnerten mich an einen Tag in meiner Kindheit, als ich einem Bauern bei der Kartoffelernte zusah. Der hatte dafür so eine Maschine, die man hinter den Trecker spannen musste, die dann die Kartoffeln automatisch ausgegraben und nach Größe sortiert hat. Wie eine Saatmaschine von Vögeln verfolgt wird, die dann die Saat aus den Furchen picken, so wurde die Erntemaschine von einer Schar älterer Frauen verfolgt, die übrig gebliebene Kartoffeln aus den Furchen lasen und in ihre Körbchen steckten. Der Bauer musste tüchtig aufpassen, keine der Frauen zu verletzen. Hinterher konnte ich noch mit anhören, wie die Frauen gegenseitig ihre Ernte begutachteten:
„Ich hab' die größten!“
„Ich hab' die schönsten!“
„Hach, ist das toll!“
„Ihre sehen aber matschig aus!“
„Die matschigen kann man dann ja zuerst aufbrauchen.“
„Finger weg! Das sind meine!“
Usf.
So sinnierend stieg ich aus der S-Bahn und stolperte fast über eine danieder gehockte ältere Dame, die einen neuwertigen, wirklich gut aussehenden dunkelblauen Blazer in der Hand hielt. Sie schnitt ein Gesicht wie Weihnachten, stand mit glänzenden Augen auf und sagte:
„Schauen Sie mal, junger Mann. Noch ganz neu, es ist wirklich eine Schande, was die Leute so alles...“ Und da traf sie auch schon die Handtasche der anderen alten Dame ins Gesicht, die ihre Hertie-Tüte mit dem neu gekauften Blazer nur kurz abgestellt hatte, um sich die Nase zu putzen. Ich glaube, als ich hinter einer Plakatwand Schutz suchte, haben sie die beiden Damen schlimme Verletzungen zugefügt.
Langsam schien es mir völlig normal, sich über die abgelegten Dinge anderer zu freuen und ich fühlte ein Befremden, dass ich noch nicht selbst etwas aufgesammelt hatte – mit dem Gesicht eines von Gott Beschenkten. Ich ging an einer eigentlich gut gekleideten alten Dame vorbei, die einen Abfallkorb inspizierte und ließ meinen Blick von links nach rechts über den Boden streifen. Schon nach wenigen Metern hatte ich Glück. Auf dieser Fläche war am Vormittag Wochenmarkt gewesen. Von einem Obst- und Gemüsestand – offenbar – waren zwei Orangen hinab gerollt und lagen jetzt so da. Ich jubelte innerlich und bückte mich. Da überwältigte mich eine alte Dame von hinten. Mit den Worten: „Ich hab' die Apfelsinen zuerst gesehen!“, streckte sie mich mittels eines Faustschlags zu Boden.
In der Zeit, in der ich ohnmächtig war, muss mich eine ältere Dame aufgesammelt haben. Jedenfalls wachte ich in einem roten Backsteinhaus vor den Toren Hamburgs auf, wo man mir erklärte, dass ich ab sofort der Familie G*** gehörte und dass es doch eine Schande sei, „was die Leute so alles wegwerfen“. Ich sollte doch am besten damit beginnen, Holz zu hacken. Erst nach zwei Jahren gelang mir die Flucht.
„Schauen Sie mal, junger Mann.“ Sie hielt ein Ding hoch, das in besseren Zeiten einmal ein Buch gewesen sein könnte.
Es ist allgemein bekannt, dass Bücher bei einigermaßen guter Behandlung kleine Ewigkeiten halten. Immerhin existieren noch Bücher aus Goethes Besitz und selbst weit ältere Schriften (die Texte von Qumran etc.). Dieses Exemplar jedoch war in einem bemitleidenswerten Zustand. Ich kann es dem vormaligen Besitzer in keiner Weise verdenken, es vom Bücherregal, aus dem Bücherschrank, von unterm wackligen Tischbein oder von woauchimmer in diesen Container gebracht zu haben. Noch bevor ich fragen konnte, weshalb ich mir das anschauen sollte beziehungsweise aus welchem Grund die Dame es überhaupt aus dem Container gefischt hatte, fuhr sie fort:
„Hier sind alte Bücher drin“.
„Ach so!“
„Richtig gut erhaltene alte Bücher.“
„Ach was!“
„Es ist einfach eine Schande, was die Leute so alles wegschmeißen.“
Mittlerweile war sie mit noch anderen alten Schwarten im Arm auf meine Seite des Containers gekommen und ließ ihr soeben errungenes Buch über den Daumen schlurfen. Neben Kaffee-, Schoko- und anderen Flecken entdeckte ich im Gilb eine Jahreszahl. Sie auch.
„Das Buch ist erst vier Jahre alt! Na? Hab' ich nun Glück oder hab' ich Glück?“
Bei entsprechender Behandlung war es also sogar möglich, Bücher besonders schnell altern zu lassen. Dann erst fiel mir die Gesellin der Frau auf. Ebenso freudestrahlend hielt auch sie ein Buch in der Hand, dessen dunkelblauer Einband ahnen ließ, dass es dereinst relativ schön und ziemlich teuer gewesen sein muss.
„Ein Shakepeare!“ Es klang wie Scheeks-Bier. „Den stell' ich mir ins Regal. Schauen Sie mal, wie gut das Buch noch aussieht. Einen Shakespeare habe ich noch nicht, aber schon eine Reihe von Goethe, Schiller und E.T.A. Hoffmann.“ Aufopfernd hielt sie mir ein anderes Buch hin.
„Novellen. Die wollen wir nicht. Interessieren Sie sich für Literatur?“
„Ach nein“, schüttelte ich den Kopf. Diese alten Fetzen konnten höchst wahrscheinlich noch ganz andere Geschichten erzählen, als darin niedergeschrieben waren. Jedenfalls hatte ich Bedenken, diese befleckten Schriften anzufassen. Also machte ich die beiden Damen auf einen kleinen Karton aufmerksam, der vor dem Container stand – zusammen mit einigen Plastiktüten voller Zeitungen. Der Ruf des Entzückens der ersten älteren Dame war so laut, dass gleich noch eine dritte hinzukam.
So schossen jetzt sechs Hände auf den kleinen Karton ein. Die der ersten Frau setzten sich durch. Sie holten mehrere alte Bücher hervor, die zugegebenermaßen noch schlechter erhalten waren als die aus dem Container.
„Schauen Sie nur! Wahre Schätze! Den Leuten geht es doch zu gut, so etwas wegzuschmeißen. Was ist das hier?“ Sie musste das zerknautschte Buch aufschlagen. Der Titel auf dem Umschlag war nicht mehr zu lesen.
„Anorganische Chemie! Das ist ja toll! Das nehm' ich meiner Tochter mit.“
Hach, was hätte ich mich gefreut, wenn mich meine Mutter mit solch einem Werk beglückt hätte.
Im Folgenden förderte die Dame noch einige Bände mit Kurzgeschichten und diverse Comics zutage. Langsam begann ich die Sache interessant zu finden, denn eines der Comichefte kam mir spanisch vor.
„Oh, kann ich das eine Comicheft noch mal sehen?“
„Das sind jetzt meine, die hab ich mir ausgesucht“, belehrte sie mich, ihren kostbaren Besitz verteidigend. Das Heft war tatsächlich in spanischer Sprache, aber derart abgewetzt, dass es mir langsam schlecht wurde.
„Die nehm' ich mir mit für die Kinder. Mensch, ist das toll!“, teilte sie uns mit und wandte sich zum Gehen noch einige prüfende Blicke werfend, ob da nicht doch noch mehr kostbare Bücher wären. Sie ging einige Schritte, da konnte ich sehen, wie sie sich mühsam bückte und erneut laut jubelte. Den Hustenbonbon, welchen sie dort gefunden hatte, packte sie sofort aus und steckte ihn in den Mund.
So einfach sind die kleinen und großen Freuden deutscher Rentnerinnen. Wenn man nur mit offenen Augen durch die Welt geht, ist man schnell um einen Shakespeare, ein olles Chemiebuch, spanische Comics, Hustenbonbons und noch vieles, vieles mehr reicher.
Am folgenden Tag war ich in der S-Bahn unterwegs, wo sich einige Scherzbolde mit einer Packung Kondome vergnügt hatten. Ob sie auch einige im Sinne des Erfinders benutzt hatten, wusste ich nicht und wollte es auch nicht wissen, aber sonst war alles dabei. Aufgeblasene Kondome kugelten am Boden herum, andere Kugeln kondomten unter der Decke klebend. Dann waren eine Menge davon zerrissen und lagen beziehungsweise hingen herum. Einige waren sogar noch eingepackt. In dem Moment fiel mir eine ältere Dame auf, die neben der Tür stand. Auch sie hatte die Präservative entdeckt. Ihr Gesichtsausdruck wurde rasch fröhlich und sie bückte sich nach den Verhütungsmitteln. Mit einem Dieweltistinordnung-Gesicht strahlte sie mich an:
„Schauen Sie mal, junger Mann. Die sind noch eingeschweißt.“ Einige Fahrgäste der S-Bahn hatten ihre Fußabdrücke darauf hinterlassen.
„Die nehm' ich mit für die Kinder. Da können die sich ja noch einen schönen Abend mit machen“, frohlockte sie und stieg aus.
Diese Szenen erinnerten mich an einen Tag in meiner Kindheit, als ich einem Bauern bei der Kartoffelernte zusah. Der hatte dafür so eine Maschine, die man hinter den Trecker spannen musste, die dann die Kartoffeln automatisch ausgegraben und nach Größe sortiert hat. Wie eine Saatmaschine von Vögeln verfolgt wird, die dann die Saat aus den Furchen picken, so wurde die Erntemaschine von einer Schar älterer Frauen verfolgt, die übrig gebliebene Kartoffeln aus den Furchen lasen und in ihre Körbchen steckten. Der Bauer musste tüchtig aufpassen, keine der Frauen zu verletzen. Hinterher konnte ich noch mit anhören, wie die Frauen gegenseitig ihre Ernte begutachteten:
„Ich hab' die größten!“
„Ich hab' die schönsten!“
„Hach, ist das toll!“
„Ihre sehen aber matschig aus!“
„Die matschigen kann man dann ja zuerst aufbrauchen.“
„Finger weg! Das sind meine!“
Usf.
So sinnierend stieg ich aus der S-Bahn und stolperte fast über eine danieder gehockte ältere Dame, die einen neuwertigen, wirklich gut aussehenden dunkelblauen Blazer in der Hand hielt. Sie schnitt ein Gesicht wie Weihnachten, stand mit glänzenden Augen auf und sagte:
„Schauen Sie mal, junger Mann. Noch ganz neu, es ist wirklich eine Schande, was die Leute so alles...“ Und da traf sie auch schon die Handtasche der anderen alten Dame ins Gesicht, die ihre Hertie-Tüte mit dem neu gekauften Blazer nur kurz abgestellt hatte, um sich die Nase zu putzen. Ich glaube, als ich hinter einer Plakatwand Schutz suchte, haben sie die beiden Damen schlimme Verletzungen zugefügt.
Langsam schien es mir völlig normal, sich über die abgelegten Dinge anderer zu freuen und ich fühlte ein Befremden, dass ich noch nicht selbst etwas aufgesammelt hatte – mit dem Gesicht eines von Gott Beschenkten. Ich ging an einer eigentlich gut gekleideten alten Dame vorbei, die einen Abfallkorb inspizierte und ließ meinen Blick von links nach rechts über den Boden streifen. Schon nach wenigen Metern hatte ich Glück. Auf dieser Fläche war am Vormittag Wochenmarkt gewesen. Von einem Obst- und Gemüsestand – offenbar – waren zwei Orangen hinab gerollt und lagen jetzt so da. Ich jubelte innerlich und bückte mich. Da überwältigte mich eine alte Dame von hinten. Mit den Worten: „Ich hab' die Apfelsinen zuerst gesehen!“, streckte sie mich mittels eines Faustschlags zu Boden.
In der Zeit, in der ich ohnmächtig war, muss mich eine ältere Dame aufgesammelt haben. Jedenfalls wachte ich in einem roten Backsteinhaus vor den Toren Hamburgs auf, wo man mir erklärte, dass ich ab sofort der Familie G*** gehörte und dass es doch eine Schande sei, „was die Leute so alles wegwerfen“. Ich sollte doch am besten damit beginnen, Holz zu hacken. Erst nach zwei Jahren gelang mir die Flucht.
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