Samstag, März 31, 2007

Im Körper des Feindes (USA 1997)

Dies ist die Geschichte meiner Kündigung als mein Chef, unser Produzent, sich entschied, einen Film mit John Woo, Meister des Actiongenres, zu machen. Woo selbst hatte das Drehbuch geschrieben und war sehr stolz darauf, wie sich eines Tages zeigte...

„Heda, Aufwachen! Wofür wirst du überhaupt bezahlt?!“, schrie er und schnippte gegen mein Ohr. „Dominique [so heißt unsere Praktikantin] bring dem Penner hier mal nen Kaffee. – Ich schreib das Skript des Jahrhunderts und er träumt!! – Gefangen im Körper des Feindes, mit einem Gesicht, das er am liebsten gar nicht mehr sehen würde. Das ist genial. Für die Rolle will ich John Travolta oder Michael Douglas“, brüllte er durch mein kleines Büro.

Ich wischte mir über die Augen und unterdrückte ein Gähnen: „Ein komischer Agent, der ein neues Gesicht bekommt ... lesen Sie Clever & Smart, Herr Woo?“ Böse Blicke straften mich, doch ich fuhr fort, „Prügeleien, Schießereien, explodierende Bomben – bitten Sie Travolta, »GlGlGl« zu machen, wenn man ihn würgt.“ Woo begann mich zu würgen, doch bevor ich »GlGlGl« machen konnte, brachte Dominique den Kaffee. „Oh Herr Woo“, himmelte sie ihn an, „das Buch ist einfach umwerfend, und diese Namen: Castor und Pollux, das ist genial, besser als Bonnie und Clyde.“ Woo schmunzelte. „Clever und Smart“, murmelte ich.

Nach einem tiefen Schluck Kaffee wandte ich mich wieder an Woo: „Ich habe da noch einige Unstimmigkeiten im Buch entdeckt. Hier zum Beispiel, wenn ein Arzt, ein wirklich guter Arzt von jemandem bedroht wird, der sein Gesicht verloren hat und dem dann ein anderes annähen soll, wird er ihn doch wohl betäuben. Und wenn er die Betäubung überdosiert, wird der Mann ohne Gesicht sicher sterben...“

„Papperlapapp“, grummelte Woo und seine asiatischen Gesichtszüge verkrampften sich, „ der Arzt muß sterben, sonst geht die Story nicht.“

„Und hier: der Typ ist FBI Agent, wenn er schon mit einem fremden Körper – noch dazu von seinem größten Feind – in einen Knast geht, wird er doch die Frage stellen, in welchen Knast es eigentlich geht, aber nein, Travolta (wenn er es denn machen will) fällt aus allen Wolken, als er sieht, dass der Knast eine Art Bohrinsel ist. Hier diese Textstelle »...er dreht sich noch einmal um, öffnet die Stahltür, tritt hinaus ins Freie und fällt aus allen Wolken...«, Herr Woo, könnte man da nicht noch etwas machen?"

„Der Zuschauer fällt eben auch aus allen Wolken“, sagte er gequält, „was willst du eigentlich? Der Spannungsbogen ist wie aus dem Taschenbuch, über Drehbuchschreiben, daß ich mir gekauft habe. Einleitung, 2. Akt, Auflösung mit Happy-End – nur mit einem Unterschied ... mein 2. Akt ist spannend, da ist Action drin!“, er schlug mit der flachen Hand auf meinen Schreibtisch. Ich versuchte gelangweilt das Papier des 2. Aktes zu glätten, über dem ich eingeschlafen war.

„Was wollt ihr hier eigentlich? Bestellt lieber schon mal die Flugzeuge, Autos und Motorbote!“, setzte er hinzu.

„Und sieh hier“, er blätterte in dem Drehbuch, das auf meinem Tisch lag, „die Gefängniswärter lassen die Schlägerei zu, ist das nicht irre?! Sie sehen zu, wie die beiden sich prügeln – ein Machtkampf! Er ist ausweglos gefangen im Körper des Feindes, im schlimmsten Gefängnis der USA – am Ende schafft er es doch. Das ist wahre Kunst, das Mitgefühl der Zuschauer ist uns sicher. Hast du Gefängnisthriller wie »Wedlock« gesehen, Dramaturg, oder »Brubaker«??“ „Ja“, ich trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, „und »Blood in – Blood out« ... Das hier scheint mit auch etwas ungeschickt.“ – Woo begann, rot anzulaufen. – „Hier steht: »... sitzt an einem hochmodernen Computer und tippt hörbar auf der Tatstatur, er löscht eine Datei, die multimedial mit buntem Bild auf dem Monitor erscheint, der Computer macht typische Piepgeräusche, dann schiebt er eine Zip-Disk ins Laufwerk und eine nackte Frau erscheint auf dem Bildschirm...«.“ Langsam wurde Woo wirklich zornig: „Das ist doch gut. Ich hatte mal so ein Spiel auf meinem Amiga 500, so soll das hier auch aussehen.“

Ich schüttelte den Kopf: „ Hochmoderne Computer fiepsen nicht und werden außerdem mit einer Maus oder sonstirgendwas bedient, man tippt nicht mehr. Übrigens können wir Sponsoring beantragen, wenn er Windows 98 oder einen Mac benutzt. Aber warum eine Zip-Disk?“ – Er drohte mir mit dem Zeigefinger: „Solche Daten passen nicht auf eine Diskette, das ist realistisch, das merkt der junge Kinogänger, das solltest du wissen, Dramaturg.“

Dieser Woo war wirklich schwierig.

„Nun ist es aber genug, ich bin hier der Künstler und du arbeitest für mich. Sind die Änderungen gemacht worden, die ich angegeben hatte?“, er zog einen Schlussstrich unter meine Mängelliste und blätterte wild in dem Skript herum. „Was fehlt hier auf Seite 38, hmmh?“, er packte mich am Kragen, zog mich hinter meinem Schreibtisch hervor und schleuderte mich gegen die Heizung. Ich sah ihn fragend an. Ich wusste nicht, worauf er hinauswollte.

Er schlug mir ins Gesicht: „Wieso ist diese Schießerei hier auf Seite 86 geändert?? Ich will mindestens fünfmal im Film eine fliegende Kugel als Close-Up zeigen, die Idee ist von meinem kleinen Neffen!!“ – „Sorry“, entgegnete ich mit zitternder Stimme, „aber ich dachte, eine Kung-Fu Szene sei auch mal ganz cool.“ – „Aber, aber, ich dachte, ich wollte...“, er stieß mir meinen Messingbrieföffner ins Bein und drehte ihn um. Ich meinte bisher, der Unterschied zwischen Männern und Frauen sei, daß Männer wüssten, wann es genug ist, und wann es Zeit ist, ein Bier trinken zu gehen. Aber John Woo wollte kein Bier, er wollte Blut. Er rammte sein Knie dorthin, wo es richtig weh tut.

Während er meinen Kopf im Schwitzkasten immer wieder gegen die scharfe Kante des Tisches schlug fragte er weiter: „Und hier, wie auf Seite 38, was ist hier mit den Seiten 21 und 70? Hm? Ich habe es doch schon hundertmal gesagt.“ Als er mit meiner Schreibtischlampe mit dem Marmorsockel ausholen wollte konnte ich mich befreien, ich stolperte zu der Schublade, in der ich einen Revolver – Geschenk von Will Smith – aufbewahrte. Ich feuerte dreimal in seine Richtung und brach selbst neben ihm zusammen. Aus meinem rechten Ohr tropfte Blut von den schweren Verletzungen durch das Tischbein. Ich hörte noch wie er neben mir in einer Blutblase: „21, 38 und 70 sind die einzigen Seiten im Buch, wo noch keine Explosionen sind...“, sagte. Dann starb er.

Der Notarzt, der mich auf eine Trage hievte, raunte mir ins Ohr: „Warten Sie nur ab, in ein paar Stunden sind Sie wieder ganz der Alte.“ – „Ja“, flüsterte ich, „aber den Pickel am Po, der mich schon so lange piesackt, den können Sie jetzt weglassen.“

>> DVD: Face/Off - Im Körper des Feindes

1 Kommentar:

Julia hat gesagt…

Herrlich! Mehr davon!
Muss ja zugeben, dass ich in einem Moment geistiger Umnachtung den Film damals im Kino gesehen habe. War aber auch fast allein...